Zu den Begriffen Sorben/sorbisch bzw. Wenden/wendisch

Es handelt sich um Bezeichnungen für ein und dasselbe westslawische Volk (Volksgruppe, Minderheit), das heute – als Nachfahren der Lusizer (Lusici) und Milzener (Milzane) – in Teilen der Ober- und Niederlausitz siedelt, zwei entwickelte Schriftsprachen vorweisen kann und deren Angehörige zudem eine Vielzahl von Dialekten sprechen.
Der Terminus Sorben (früher meist Wenden genannt, z. T. auch Sorbenwenden oder Lausitzer Serben) geht zurück auf die Selbstbezeichnung „Serby“ (= niedersorb.; obersorb. = „Serbja“). Bereits im Jahre 631 war in der Chronik des Fredegar der westslawische Stammesverband an der mittleren Elbe und Saale als „Surbi“ (Sorben) bezeichnet worden. Mitte des 11. Jhs.tauchte die davon abgeleitete Bezeichnung „Zurba“ im Gebiet der heutigen Stadt Meißen auf. In der Chronik des Cosmas (um 1125) wiederum sind die ebenfalls darauf bezogenen Lautformen Serb/Surb/Sarb/Sorb für die damaligen slawischen Bewohner in den Lausitz erfasst. Insofern kann schließlich von einer Eigenbezeichnung für die unmittelbaren Nachfahren der Lusizer und Milzener ausgegangen werden.
 Der Begriff Wenden (abgeleitet von römisch „Veneti“, auch Venedi oder Veneter; in latinisierter Fassung: Winedi, Winodi, Winidi) war ursprünglich (erstmals um 660) die altgermanische bzw altdeutsche Bezeichnung für alle nichtgermanischen bzw. anderssprachigen Stämme und Stammesgruppen wie etwa die slawischen Stämme der Obodriten in Mecklenburg, der Drawehnopolaben im Hannoverschen Wendland, der Main- und Regnitzwenden, der Winden bzw. Slowenen in Kärnten und der Steiermark sowie der Lausitzer Sorben bzw. Wenden. Im engeren Sinne bezeichnete dieser Begriff die slawischen Bewohner in beiden Lausitzen.
 Noch vor 1500 erhält der Wendenbegriff einen verachtenden Duktus, und wird als Schimpf- und Spottwort verwendet. Dies zielte weniger auf die Nationalität als auf die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Stellung der Sorben/Wenden ab („Deutschtums- bzw. Wendenparagraf“). Gleichzeitig wurde bis weit in die frühe Neuzeit, z. T. bis hinein ins 18. Jh., gleichberechtigt von Bürgern „wendischer Nation“ und „deutscher Nation“ gesprochen, ohne irgendeine Klassifizierung vorzunehmen. Dies verweist auf den beachtlichen Stellenwert der sorbischen Bevölkerung inner- und vor allem außerhalb der Städte. Sie waren keinesfalls von der Bürgerschaft (Bürgerrecht, geknüpft an Hausbesitz), von angesehenen städtischen Gewerken und als Ratsmitglieder ausgeschlossen.
Die Verbreitung beider Begriffe lässt sich bis in die Gegenwart insbesondere in Orts-, Straßen- und Personennamen nachweisen. Familiennamen wie Serb bzw. Wendt, Wendisch oder Wende, Ortsbezeichnungen wie Serbitz, Serba bzw. Wendisch Rietz (b. Storkow) oder auch Straßen mit der Bezeichnung Sorbenstraße bzw. Wendische Straße oder Wendenstraße sind auch außerhalb der Lausitz anzutreffen. Um 1937 benannten die NS-Machthaber zahlreiche slawische bzw. slawisch klingende Orte oder auch Ortsteile in deutsch- bzw. germanisch klingende Bezeichnungen um, so Wendisch Buchholz in Märkisch Buchholz (niedersorbisch: Serbski Bukojc; heute: Landkreis Dahme-Spreewald).
Die Unterscheidung beider Begriffe ist sehr komplex und mitunter schwierig, weil sich beim persönlichen Bekenntnis zwei Ebenen überlagern können:

1. Die politische Ebene:

Bis 1945 nannten sich die Sorben in der Ober- und Niederlausitz auf Deutsch fast ausschließlich Wenden, in ihrer Muttersprache jedoch Serby (niedersorbisch) bzw. Serbja (obersorbisch), niemals Wendy, wendski o.ä. Seit dem 18./19. Jahrhundert, im Zuge der nationalen Bewusstwerdung, verwendeten sorbische und auch prosorbisch bzw. prowendisch eingestellte deutsche Intellektuelle vermehrt die Eigenbezeichnung Sorben bzw. sorbisch im deutschen Sprachgebrauch.
Nach 1945 forcierte die erstarkende sorbische Interessenvertretung Domowina die Anwendung der Bezeichnung Sorben zunächst in der Ober-, dann auch in der Niederlausitz. Dies hat Generationen in der DDR geprägt. Doch insbesondere von älteren Wenden in der Niederlausitz wurde dieser Begriff nicht bzw. nur mit Widerstand angenommen, weil er mit staatlicher Einflussnahme im Sinne der SED-Politik und der Präsenz der Obersorben assoziiert wurde, die vor Ort beim Aufbau sorbischer Institutionen und der Einführung des Sorbischunterrichts halfen. Angesicht der Wahrnehmung als störender Faktor bei der Assimilation wurde die politische Aufoktroyierung des Sorben-Begriffs als Fremdbestimmung angesehen und setzte Ablehnungsmechanismen in Gang, die bis heute am Wenden-Begriff festhalten lassen.

2. Die sprachliche Ebene:

Im deutschen Sprachgebrauch wurde zumeist von der wendischen Sprache in der Ober- und Niederlausitz gesprochen. Erst nach 1945 setzte sich der Terminus sorbisch für zwei unterschiedliche Schriftsprachen mit vielen Gemeinsamkeiten durch, das Obersorbische und das Niedersorbische.
In der Niederlausitz wurde die Bezeichnung sorbisch jedoch kaum oder nur zögerlich angenommen, weil es nicht das Ureigene, das Vertraute bedeutete. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass ab 1949 seitens einiger obersorbischer Intellektueller eine Politik verfolgt wurde, die niedersorbische bzw. niederwendische Sprache dem Obersorbischen anzugleichen. Dieser in den 1950er-Jahren vollzogene Eingriff bewirkte, dass sich in der Niederlausitz die Schriftsprache von der Volkssprache entfernte. Die in der Schule gelehrte niedersorbische Sprache wurde von der Generation der Muttersprachler kaum mehr als die eigene angesehen und vielerorts abgelehnt.
Hinzu kommt, dass bereits in der NS-Zeit bis 1941 die gebräuchliche Frakturschrift (Schwabach) abgeschafft und dafür die Antiqua-Schrift eingeführt worden war. Die Konsequenz war, dass jegliche Texte in niedersorbischer bzw. wendischer Sprache nach 1945 in dieser neuen Schrift gedruckt wurden. Im Kontext der Veränderungen in der Lexik und Orthografie Anfang der 1950er Jahre wurden die ursprüngliche Schrift als wendische, die neue als sorbische angesehen.

Literatur (Auswahl):

Lübke, Christian: Slaven zwischen Elbe/Saale und Oder: Wenden – Polaben – Elbslaven?, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 41 (1991), S. 17–43.

Die Slawen in Deutschland. Ein Handbuch, Hg. v. J. Herrmann, Berlin (Ost) 1985.

Sorbisches Kulturlexikon, hrsg. v. Franz Schön und Dietrich Scholze, Bautzen 2014, S. 368, 488 (siehe auch Portal: SORABICON des Sorbischen Instituts)

Steenwijk, Han: Wendisch – Sorbisch: sprachliches Begriffspaar oder Ausdruck sozialer
Gegensätze, in: Der Niedersorben Wendisch. Eine Sprach-Zeit-Reise, Bautzen 2003, S. 10–14.

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